HEILEN DURCH KLARHEIT

Vier Gefühle, drei Welten, zwei Dramen und eine Wahrheit, aus dem Possibility Management
von Clinton Callahan

Theorien über die Ursache und Heilung von Krankheiten gibt es wie Sand am Meer. Ohne eine bestimmte Theorie zu kritisieren oder zu verteidigen, können wir unserer Heilkraft weitere Dimensionen verleihen, indem wir unserer Klarheit weitere Dimensionen verleihen. Klarheit verstärkt die Fähigkeit eines Heilers, seinen Klienten in ihrem alltäglichen Verhalten neue Optionen aufzuzeigen. Mehr Optionen zu haben bedeutet mehr Möglichkeit zu haben. Möglichkeit ist eine der kraftvollsten „Heilspritzen“ der Welt. Dieser Artikel bietet einen kurzen Einblick in den Bereich des Possibility Managements und findet Klarheit in den Landkarten der vier Gefühle, der drei Welten, der zwei Dramen und der einen Wahrheit.

KLARHEIT

Klarheit ist ein goldener Schlüssel im Heilungsprozess, jedoch wird Klarheit hart verdient. Klarheit ist nicht einfach ein intellektuelles Verstehen, wie uns in der Regel gelehrt wird. Wir erreichen keine Klarheit, indem wir nur darüber nachdenken. Gedanken sind leicht vergessen. Klarheit landet im Körper und ordnet dessen energetische Struktur um. Das bedeutet, wir bekommen Klarheit nicht geschenkt. Klarheit kommt mit der Erfahrung, und die Erfahrung kann hart sein.

Jedes Stück Klarheit verändert unsere Sicht der Welt, da Klarheit den Filter verändert, durch den wir die Welt betrachten. Wir erlangen Klarheit nur, indem wir die alte Sichtweise der Dinge aufgeben. Klarheit verändert uns. Wenn wir nicht durch persönliche Erfahrung lernen, dass Klarheit uns verändert, dann können wir für einen Klienten auch keinen geschützten Raum schaffen, damit er ebenfalls durch persönliche Erfahrung neue Klarheit erlangt.

Krankheit ist die körperliche Lösung eines energetischen Problems. Die Krankheit entsteht, weil der Klient es vorzieht, die Dinge in seiner gewohnten Weise zu sehen, selbst wenn diese Perspektive ihn krank macht. Die Krankheit wird, wenn sie überhaupt wahrgenommen wird, anfangs nicht als Problem wahrgenommen. Aus Überlebensgründen ist der menschliche Verstand sehr geschickt in der Selbst- täuschung.

Ein Klient geht zu einem Arzt, wenn er seine Krankheit als Problem wahrnimmt. (Die Krankheit als Problem zu sehen, ist auch die übliche Sicht der modernen Schulmedizin). Der Klient sucht hingegen einen Heiler auf, wenn er statt der Krankheit eine andere Lösung für sein Problem haben will.

Aus der Sicht des Heilers ist eine Krankheit eine Aufforderung an den Klienten, sich weiter zu entwickeln. Der Heiler ist die Hebamme für diesen Entwicklungsprozess. Der Heiler beginnt mit der Klarheit, dass die Krankheit nur ein Symptom oder eine Manifestation des eigentlichen Problems ist. Die Krankheit liefert dem Klienten Hinweise, um einige Dinge über sich selbst herauszufinden. Wenn der Ursprung der Krankheit als selbst erzeugt identifiziert ist und der Klient Verantwortung für diese Situation übernimmt, erweitert sich das Bewusstsein und Heilung tritt ein.

Der Heiler weiß, dass das ursprüngliche Engagement des Klienten der Krankheit gilt. Ein Klient ändert sein Engagement nur, wenn er Klarheit über den Zweck seines Engagements erlangt (ein solches Engagement könnte darin bestehen, Rache zu üben, Recht zu haben, Missbrauch an sich selbst zu üben, Liebe und Aufmerk- samkeit zu bekommen, wahrgenommen zu werden etc.). Den Klienten zur Klarheit über den Zweck seines Engagements zu führen und dann eine Möglichkeit für ihn zu schaffen, ein anderes Engagement einzugehen, ist die Aufgabe des Heilers.

Die gute Nachricht in Bezug auf Klarheit ist, dass wir jedes Stück Klarheit, das wir für uns selbst erzeugen können, auch für unsere Klienten erzeugen können. Die schlechte Nachricht in Bezug auf Klarheit ist, dass wir überall dort, wo wir selbst keine Klarheit haben, unseren Klienten nicht bei der Heilung helfen können. Klienten können nur soweit gehen, wie der Heiler zu gehen vermag. Das ist das Opfer, dass der Heiler bringt: der Heiler muss vorausgehen.

VIER GEFÜHLE

Nehmen wir beispielsweise Gefühle. Dr. Eric Berne, der Begründer der Trans- aktionsanalyse, hat auch eine Karte der Gefühle erstellt. Auf seiner Karte weist Dr. Berne darauf hin, dass alle menschlichen Emotionen in vier Kategorien unterteilt werden können: Wut, Traurigkeit, Freude und Angst. Wenn wir diese Karte verwenden, erhalten wir plötzlich intellektuelle Klarheit über Gefühle. Es gibt vier Gefühle. Das ist ungeheure Klarheit (insbesondere für Männer!).

Unsere Kultur lehrt uns, dass drei dieser Gefühle „negative” Gefühle sind, und wenn eines dieser drei Gefühle aktiviert wird, schließen wir daraus, dass etwas nicht stimmt. Uns wird beigebracht, dass „ein Indianer keinen Schmerz kennt”. Uns wird auch beigebracht, dass das eine „positive” Gefühl, Freude, gefährlich ist. „Den Vogel, der am Morgen singt, den holt am Abend die Katz.” Im Großen und Ganzen lehrt uns unsere Kultur, dass es nicht in Ordnung ist, Gefühle zu haben.

Es ist bekannt, dass das Unterdrücken von Gefühlen Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben kann. Beispielsweise kann das Unterdrücken von Wut die Leber oder Gallenblase angreifen. Das Unterdrücken von Traurigkeit kann sich auf Lunge oder Dickdarm auswirken. Das Unterdrücken von Freude kann Herz oder Dünndarm angreifen. Das Unterdrücken von Angst kann Auswirkungen auf Nieren oder Blase haben.

Im Possibility Management erstellen wir eine neue Karte, auf der Wut, Traurigkeit, Freude und Angst so neutral sind wie die vier Himmelsrichtungen auf einem Kompass. Ist Norden schlecht? Ist Osten gut? Ist Westen negativ? Ist Süden positiv? Dumme Fragen. Das gleiche gilt für Wut, Traurigkeit, Freude und Angst. Auf der Possibility Management-Karte treten Gefühle in unserem Körper auf, um uns mit dem Raketentreibstoff und den Informationen auszustatten, die wir benötigen, um unsere Bestimmung zu erfüllen. Um Zugang zu unseren Informationen und unserer Energie zu bekommen, müssen wir unsere kulturelle Erziehung hinter uns lassen und unsere Beziehung zu unseren Gefühlen ändern. Hier müsste ein Heiler die Grenzen der Standardausbildung überschreiten und sich neue Fähigkeiten durch weiterführendes Training aneignen.

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Gefühle können bewusst oder unbewusst gefühlt werden. Um die Gefühle bewusst zu fühlen, muss eine Person „innere Navigation” erlernen. Wir entwickeln Fertigkeiten in innerer Navigation, wenn wir unsere intellektuelle Klarheit über Gefühle zu empirischer Klarheit über Gefühle machen. Jedes der vier Gefühle drückt sich durch bestimmte voneinander unterschiedene Empfindungen und körperliche Manifestationen aus. Wenn wir empirische Klarheit erlangen, wird unser Körper zu unserer Landkarte. Wenn wir die Empfindungen in unserem Inneren kennen gelernt haben, können wir in jedem Moment wissen, was wir fühlen und wo wir uns auf der Karte der Gefühle befinden. Wenn wir wissen, was wir fühlen, können wir auch wissen, was eine andere Person fühlt. Zu wissen, was der Klient fühlt, ist ein wichtiger Faktor in der Beziehung des Heilers zu seinem Klienten.

Bewusst fühlen bedeutet, Gefühle auf verschiedenen Stufen der Intensität, von null Prozent (gefühllos) bis hundert Prozent (archetypisch) zu erleben und auszudrücken. Das Feedback durch einen Trainer ermöglicht es uns, unsere Skala so einzustellen, dass wir wissen, wie sich beispielsweise 50 Prozent archetypische Wut anfühlt. In einem Training können wir experimentieren, um uns selbst zu erlauben, hundert Prozent jedes der vier Gefühle freizusetzen. („In einem Training” bedeutet, versuchen Sie das nicht zuhause. Der Grund dafür, es nicht zuhause auszuprobieren, ist, dass unsere Gefühle, wenn wir sie zurückbekommen, sich in dem Reifegrad zeigen, in dem sie waren, als wir sie eingeschlossen hatten. Bei den meisten von uns war das in sehr jungem und unreifem Alter. In einem Training kann uns ein Trainer sicher führen, so dass wir unsere Gefühle innerhalb kurzer Zeit auf den heutigen Reifestand bringen. Den Reifungsprozess alleine in Gang zu bringen, ist sehr heikel.)

Wir Menschen haben archetypische Strukturen, die in uns schlummern und darauf warten, zum Leben erweckt zu werden. Die Erfahrung, ein Gefühl in hundertprozentiger Intensität auszudrücken, aktiviert eine archetypische Struktur. Jedes der vier Gefühle steht in Verbindung mit einem Archetyp: Wut mit dem Macher (Krieger oder Kriegerin), Traurigkeit mit dem Vermittler (Liebenden), Freude mit der verantwortlichen Führungspersönlichkeit (König oder Königin) und Angst mit dem Schöpfer (Zauberer oder Zauberin). Der Macher, der Vermittler und der Schöpfer arbeiten im Dienst der verantwortlichen Führungspersönlichkeit.

Einen Archetyp zum Leben zu erwecken ist ein Prozess, etwa vergleichbar mit der Verwandlung eines Planeten in einen Stern. Dieser Prozess wird als „Ersternen“ bezeichnet. Der Unterschied zwischen einem Planeten und einem Stern besteht darin, dass ein Planet mehr Energie aufnimmt als er abgibt. Ein Stern hingegen strahlt mehr Energie ab als er aufnimmt. Menschen sind dazu ausersehen, als Sterne zu leben (Schöpfer, Hersteller). Unsere Kultur trainiert uns darin, als Planeten zu leben (Verbraucher, Beurteiler). Traditionelle Kulturen führen ein fünfzehn Jahre altes Kind durch einen Übergangsritus in die Erwachsenenwelt, wobei es seine vier Archetypen zu strahlender, freudiger produktiver Reife „ersternt“. Unsere Kultur bietet uns keinen solchen Übergangsritus. Um unsere Archetypen zu ersternen, müssen wir uns aus unserer Kultur heraus in ein bestimmtes Trainingsumfeld begeben, das speziell dafür vorgesehen ist. Damit Sicherheit und Stabilität erreicht wird, benötigt der „Ersternungsprozess“ seine Zeit, unserer Erfahrung nach etwa zwei Jahre.

Im Possibility Management haben wir Eric Bernes Karte der Gefühle einen Schritt weiter entwickelt. Wir haben herausgefunden, dass Gefühle am nützlichsten sind, wenn sie in ihrer reinen Form gefühlt werden. Das Vermischen von Gefühlen führt zu einer eigenen Form von Un-Wohlsein. Das Vermischen von Gefühlen ist nicht schlecht oder falsch. Das Vermischen von Gefühlen führt lediglich zu einer anderen Art von Erfahrung als das klare und voneinander unterschiedene Fühlen der Gefühle. Beispielsweise führt das Vermischen von Wut und Traurigkeit zu Depression. Das ist wie das Vermischen von Bier und Kuhdung. Bier hat seine eigene Verwendung. Kuhdung hat seine eigene Verwendung. Werden beide vermischt, so erhält man nichts als Schleim. Das gleiche gilt für Gefühle. Die Vermischung von Wut und Traurigkeit verursacht automatisch eine Erfahrung, die wir „Depression“ nennen. Um aus der Depression herauszukommen, können wir innere Navigationsfertigkeiten anwenden, um Wut und Traurigkeit voneinander zu trennen. Wir ziehen sie auseinander. Dann fühlen wir Wut über eine Sache, Traurigkeit über eine andere und es gibt keine Depression mehr.

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Das Vermischen von Traurigkeit und Angst verursacht Isolation oder Verzweiflung. Das Vermischen von Traurigkeit und Freude führt zu Sentimentalität oder Nostalgie. Das Vermischen von Wut und Angst verursacht Hysterie. Das Vermischen von Angst und Freude führt zu leichtsinnigen Risiken wie Glücksspiel etc. Das Vermischen von Wut und Freude verursacht Schadenfreude. Das Vermischen von drei oder vier Gefühlen führt schließlich zum emotionalen oder psychischen Zusammenbruch. Wie viele Menschen bekommen Gehirnchemikalien verschrieben oder werden tatsächlich in Einrichtungen weggesperrt, weil unsere Kultur noch nicht die Klarheit über die vier Gefühle und das Vermischen von Gefühlen besitzt? Wir könnten anfangen, Klarheit über Gefühle zu erlangen, wenn wir sieben Jahre alt sind. Unsere Schulen liefern uns diese Klarheit nicht. Damit eine solche Klarheit zu einem Teil unserer Schulausbildung wird, müssten Lehrer trainiert werden, um diese Klarheit zuerst zu erlangen. Die Schüler können nur so weit gehen, wie die Lehrer gehen können.

DREI WELTEN

Ein Heiler zahlt einen Preis dafür, ein Heiler zu sein. Der Preis ist dieser: ein Heiler besitzt Klarheit über Dinge, über die Menschen mit anderen Berufen keine Klarheit haben. Der Bäcker zahlt den Preis, dass er kein gewöhnliches Verhältnis mehr zum nächtlichen Schlaf hat, damit wir morgens warme Brötchen bekommen können. Der Chirurg zahlt den Preis, kein gewöhnliches Verhältnis mehr zum menschlichen Körper zu haben, damit er oder sie ihn zu unserem Wohl sicher aufschneiden und wieder zusammennähen kann. Der Heiler zahlt den Preis, kein gewöhnliches Verhältnis mehr zur Realität zu haben.

Der Heiler lernt, dass die Menschen jeden Tag zwischen drei Welten hin und her wechseln, sie betreten und wieder verlassen: Die Oberwelt, die Mittelwelt und die

Unterwelt. Während die meisten Menschen diese Wechsel unbewusst vornehmen, lernt der Heiler, alle Bereiche der drei Welten mit Klarheit und Absicht zu navigieren.

Die Mittelwelt ist die Welt von Zeit, Geld, Essen, Abspülen, staubsaugen, die Kinder zur Schule bringen, den Müll herunter tragen, zur Arbeit gehen, Rechnungen bezahlen, das Auto reparieren, Einkaufen, baden gehen, mit dem Hund Gassi gehen, Sport treiben, Erledigen der täglichen Hausarbeit, entspannen, Sexualität und das übliche praktische Leben. Das Gefühl der Mittelwelt ist busy, busy, busy!

Die Oberwelt ist eine Qualität von Raum, die wir vielleicht erstmals in einer Kirche oder allein in der Natur wahrgenommen haben. Die Stimmung verändert sich. Unsere Aufmerksamkeit ist geschärft. Geräusche verändern sich. Die Lichtverhältnisse werden heller und klarer. Unsere Ansicht darüber, was für uns oder die Menschheit möglich ist, verändert sich. Verantwortung und Sorgfalt gedeihen mit Leichtigkeit. Wir spüren, dass wir uns in der Oberwelt befinden, weil wir die Anwesenheit verantwortungsvoller lichter Prinzipien wahrnehmen wie Respekt, Offenheit, Akzeptanz, Klarheit, Möglichkeit, Integrität, Liebe, Freude, Überfluss, Strahlen, Reinheit, Einklang, Lernen, Entdeckung, Teilen, Wachstum, Evolution, Teamwork, Zusammengehörigkeit und so weiter.

Die Unterwelt ist auch eine Qualität von Raum, die wir in Konflikten, Schwierigkeiten und der unverantwortlichen Freude von „Ha-ha! Jetzt hab ich dich! Ich gewinne, du verlierst! Du Idiot!” bemerken. Die Unterwelt ist voller Leiden, Opferdasein, Trennung, Konkurrenzkampf und Verfolgung. Wir spüren, dass wir uns in der Unterwelt befinden, weil wir die Anwesenheit unverantwortlicher Schattenprinzipien wahrnehmen wie Rache, Habgier, Zerstörung, Hass, Missachtung, Manipulation, Überlegenheit, Heimlichtuerei, Verrat, Vorurteile, Terrorismus, Ungerechtigkeit, Vergewaltigung, Mord, Hungersnot, Verwüstung, Überlebenskampf, Mangel, Entbehrung etc.

Bildschirmfoto 2016-05-06 um 20.42.39Es mag Sie überraschen, auf dieser Karte der Drei Welten zu sehen, dass die Unterwelt zwischen der Mittelwelt und der Oberwelt liegt. Diese Positionierung ergibt anfangs vielleicht keinen Sinn, da die Position der Unterwelt auf dieser Karte nicht ihrem Namen entspricht. Die Unterwelt ist nicht darunter, sie ist dazwischen. Auch entspricht die Position der Unterwelt nicht den allegorischen Beschreibungen archetypischer Unterwelten aus der Literatur.

Die Anordnung der Unterwelt zwischen der Mittelwelt und der Oberwelt basiert auf langjähriger praktischer Erfahrung. Wir verbringen vielleicht einen Großteil unseres Tages in der äußerst geschäftigen Mittelwelt. Wir werden uns der Oberwelt vielleicht in heiligen Räumen wie einer liebevollen Beziehung, einem Lied oder einem Gebet bewusst. Wir erhaschen vielleicht einen kurzen Blick auf die Oberwelt in Form eines direkten Erlebnisses und möchten gerne dorthin gelangen. Doch sobald wir tatsächlich versuchen, in die Oberwelt zu gelangen, finden wir uns in unserer eigenen unerforschten Unterwelt wieder. Wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie die Richtigkeit dieser Aussage durch Ihre eigenen Erfahrungen bestätigt finden. Der Weg in die Oberwelt führt durch das Bewusstwerden und die Inbesitznahme unserer Unterwelt. Wenn wir unsere Unterwelt nicht in Besitz nehmen, werden wir unsere Oberwelt niemals stabilisieren können. Die Auffassung, wir könnten von der Mittelwelt direkt zur Oberwelt gelangen, ist die Definition von New Age.

Auch im Hinblick auf die drei Welten gilt, dass unsere Klienten nur soweit gehen können, wie wir zu gehen vermögen. Wenn wir einen Teil unserer Unterwelt nicht in Besitz genommen haben, können unsere Klienten diesen Teil ihrer Unterwelt auch nicht in Besitz nehmen. Wenn wir nur ein Viertel unserer Unterwelt erkennen und besitzen, dann besitzen drei Viertel unserer Unterwelt uns und wir sind uns dessen nicht bewusst, und diese drei Viertel veranlassen uns zu Handlungen, die ihren Absichten dienen, wenn wir es am wenigsten erwarten. Wenn wir uns der Motivationen und Kreationen des Königs oder der Königin unserer Unterwelt (unseres Gremlins) nicht bewusst geworden sind, kann uns jeder Klient mit einem größeren Gremlin als dem unsrigen manipulieren, unsere Knöpfe drücken, uns an den Haken nehmen und unsere Bestrebungen für seine Heilung zunichte machen. Der Gremlin ist nicht schlecht. Der Gremlin tut, was der Gremlin tut. Unser Gremlin darf nicht eingesperrt werden. Unser Gremlin muss verstanden und mit integriert werden, sodass wir ihn dazu benutzen können, Möglichkeiten für bewusste Entwicklung zu schaffen.

Wenn wir uns in exklusiven Bereichen der Ober- und Mittelwelt niederlassen und unsere Klienten keinen Zugang zu diesen Bereichen haben, werden sie sich in unserer Gesellschaft nicht sicher fühlen. Die meisten Klienten können nicht dahin kommen, wo wir sind. Das bedeutet, wir müssen lernen, unsere Form zu verändern und dahin zu gehen, wo sie sind. Wie schon erwähnt, liegen diese Fähigkeiten außerhalb des Umfangs einer üblichen Heilerausbildung, die uns unsere Kultur anbietet. Nur weil die Fähigkeiten nicht von unserer Kultur angeboten werden, heißt das nicht, dass wir diese Fähigkeiten als Heiler nicht brauchen. Es bedeutet vielmehr, dass wir uns wieder aus unserer Kultur heraus begeben müssen, um diese Fähigkeiten zu erwerben.

Heilung tritt ein, wenn unsere Klienten erkennen, akzeptieren und sein können, wo sie sind. Wenn sie sein können, wo sie sind, egal wo das ist, besitzen sie die Kraft, sich woanders hin zu bewegen. Wenn unser Klient da sein kann, wo er ist, erlangt er automatisch seine Authentizität zurück.

Lassen Sie uns bei der Betrachtung der drei Welten einen anderen Aspekt des Heilens beleuchten. Es kann der Fall sein, dass ein Heiler denkt, es sei seine Aufgabe, die Mittelwelt zur Oberwelt zu machen. Das würde dann als Transformation angesehen werden. Viele Heiler sind von der Annahme ausgegangen, dass die Verwandlung der Mittelwelt zur Oberwelt ihr Hauptziel ist. Ich lade Sie dazu ein, diese Annahme von einer anderen Perspektive aus zu betrachten.

In der Oberwelt ist Perfektion möglich. Unverfälschte Brillianz, vollständige permanente Erleuchtung, absolutes Einssein, diese ganze Perfektion und noch mehr ist in der Oberwelt möglich. In der Mittelwelt ist diese Perfektion nicht möglich. In der Mittelwelt ist nichts perfekt. Wir können uns problemlos eine gerade Linie oder eine Kugel vorstellen, jedoch existiert keine gerade Linie oder Kugel in der Mittelwelt. Alles in der Mittelwelt fließt, verändert sich, entwickelt sich oder zerfällt und stirbt. In der Mittelwelt ist nichts stabil oder permanent. Alles verändert sich ständig. Perfektion ist unmöglich.

Was sollte also ein Heiler tun?

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 Ein Heiler kann dazu dienen, einen Raum in der Mittelwelt zu schaffen und zu halten, durch den die Prinzipien der Oberwelt ihre Arbeit tun können. Der Raum, den Sie als Heiler erschaffen und halten, kann ein physischer Raum sein wie Ihr Büro, ein Seminarhaus, ein Dojo oder ein Yoga-Übungsraum. Der Raum, den Sie halten, kann aber auch der Raum einer Konversation in einem Café oder sogar der Raum eines Telefongesprächs sein. Dieser Raum steht dann im Namen bestimmter Prinzipien der Oberwelt, die durch ihn ihre Arbeit in der Mittelwelt tun können. Sie halten dann zwei Dinge zur selben Zeit am selben Ort: die Umstände der Mittelwelt und die Prinzipien der Oberwelt. Sie erschaffen eine Schnittstelle der Welten. An dieser Schnittstelle der Welten verrichtet die Oberwelt ihre Arbeit in der Mittelwelt durch Ihre Augen, Ihre Hände, Ihr Herz und Ihren Mund. (Das ist nicht Channeling!!!). Die Arbeit, die Sie an diesem Schnittpunkt der Welten leisten, ist nie perfekt. Sie kann nie perfekt sein. Sie muss nicht perfekt sein. Die Arbeit, die Sie an diesem Schnittpunkt der Welten leisten, ist so gut wie möglich. Was Sie wissen müssen ist, dass diese Arbeit gut genug ist.

ZWEI DRAMEN

Dr. Stephen Karpman erfand das Drama-Dreieck-Modell für menschliche Interaktionen im Jahre 1965. Das Drama Dreieck zeigt, dass die meisten unserer alltäglichen Interaktionen einfach unbewusstes Rollenspiel in einem der drei Charaktere des Drama Dreiecks sind.

Im Possibility Management haben wir Stephen Karpmans Karte des Drama Dreiecks einen Schritt weiter entwickelt. Wir haben herausgefunden, dass jede Handlung, die darauf ausgerichtet ist, Verantwortung zu vermeiden, eine bestimmte Art von Drama ist, die als Niederes Drama bezeichnet wird. Sobald wir lernen, unverantwortliches Niederes Drama zu erkennen und zu vermeiden, bevor wir innerlich oder äußerlich davon in Beschlag genommen sind, haben wir die Möglichkeit, bewusstes verantwortliches Theater zu erzeugen, das als Hohes Drama bezeichnet wird. Nehmen Sie zur Kenntnis, dass weder Hohes Drama noch Niederes Drama richtig oder falsch, gut oder schlecht sind. Sie führen nur zu unterschiedlichen Ergebnissen.

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Der mächtigste Akteur im Niederen Drama ist das Opfer. Ein gutes Opfer kann aus jedem einen Täter machen. Wir glauben, dass das Niedere Drama real ist, wenn wir unbewusst die Positionen auf dem Dreieck wechseln. Wir erkennen, dass wir Niederes Drama spielen, wenn wir Schuld zuweisen, nachtragen, rechtfertigen, Recht haben, uns beschweren oder jemandem zeigen, dass er Unrecht hat. Das einzige, was im Niederen Drama wirklich passiert, ist, dass wir älter werden.

Heilen ist Hohes Drama. Zum Beispiel muss ein Heiler lernen, seine Aufmerksamkeit zu teilen. Wir verwenden einen Teil unserer Aufmerksamkeit, um einen Fuß fest in der Mittelwelt des gewöhnlichen gesunden Verstands verankert zu halten. Wir benutzen einen anderen Teil unserer Aufmerksamkeit, um unseren anderen Fuß in die Welt unseres Klienten zu setzen. Indem wir Kontakt und Unterstützung bieten, begleiten wir unseren Klienten auf seiner Reise dorthin, wohin er gehen muss, um gesund zu werden. Wir gehen mit ihm in die Welt, in der er lebt, egal wie diese aussieht, selbst wenn diese Welt nicht der allgemeinen Definition gewöhnlichen gesunden Verstands entspricht. Die Erfahrung, vollständig ungesund (verrückt) zu werden und gleichzeitig mit der Gesundheit (dem gesunden Verstand) verbunden zu sein, ermöglicht es unseren Klienten, Ungesundheit in den größeren Kontext der Gesundheit zu stellen. Die Begleitung des Klienten durch den Heiler ist ein Akt bewussten Theaters und daher ein Beispiel von Hohem Drama.

Im Possibility Management wird das Niedere Drama und das Hohe Drama auf einer Karte aufgezeigt; der Karte der Möglichkeit. Es ist eine große Karte, d.h. sie deckt ein großes Gebiet ab. Wir haben in diesem Artikel bereits ein weites Feld abgedeckt, daher zeige ich Ihnen die Karte der Möglichkeit, Sie müssen ihre Bedeutung jedoch selbst herausfinden. Eine kleine Warnung ist angebracht: wenn es Ihnen gelingt, die Karte der Möglichkeit zu entschlüsseln, sollten Sie nicht überrascht sein, wenn sich einige Dinge für Sie ändern. Die Karte der Möglichkeit ist gespickt mit memetischen Viren, die alle Ideen in Ihrem Gehirn, die weniger klar sind als die Viren, unersättlich herausfordern. Viel Spaß!

Die Karte der Möglichkeit ist eine Karte von uns. Jeder von uns hat einen Wahren Führer, der König oder Königin der Oberwelt ist, und jeder von uns hat einen Gremlin Führer, der König oder Königin der Unterwelt ist. Hohes Drama nährt die Oberwelt in der gleichen Weise, in der Niederes Drama die Unterwelt nährt. In jedem Moment erzeugen wir entweder Hohes Drama oder wir erzeugen Niederes Drama. Man kann nicht vom Niederen Drama zum Hohen Drama gelangen. Es ist entweder das eine oder das andere. Die Karte der Möglichkeit gibt uns die Klarheit, zu wählen, welche Art von Drama wir in diesem Moment erzeugen wollen.

EINE WAHRHEIT

Die Karte der Möglichkeit beginnt mit einer einzelnen senkrechten Linie, die besagt, dass alles was geschieht, absolut neutral ist. Diese Deklaration ist das einzig Wahre auf der Karte der Möglichkeit. Aber wir sind Menschen und Menschen lassen die Dinge nicht neutral. Wir kreieren vielmehr in jedem Moment. Wir kreieren, indem wir Geschichten darüber erfinden, was geschieht. Wir interpretieren und geben dem, was geschieht, eine Bedeutung. Diese Welt ist reich an Beweisen, um jede Geschichte, die wir uns ausdenken, zu untermauern. Jede Geschichte hat einen Zweck. (Wir erfinden keine Geschichte ohne eine Absicht). Entweder sind wir uns unserer Absicht bewusst, oder wir sind es nicht. Die Zweiteilung des Bewusstseins kreiert zwei allgemeine Spielarten: verantwortliche Spiele oder unverantwortliche Spiele. Welches Spiel wir spielen, lässt sich immer an den Ergebnissen erkennen, die wir erzielen. (Wenn wir uns beispielsweise für 9 Uhr verabreden und erst 9.03 Uhr erscheinen, ist klar, welches Spiel wir spielen). Die Ergebnisse lügen nicht.

Das Spiel genannt „Heiler” ist Hohes Drama, bewusstes Theater, gespielt auf dem Spielfeld kompromissloser Verantwortung. Kompromisslose Verantwortung funktioniert so: Alles, was passiert, ist absolut neutral. Was ist, ist, und zwar so, wie es ist, ohne Bedeutung. Nur das. Wir sind nie „in” einer Situation. So etwas wie ein Problem gibt es nicht. Es ist unmöglich, Opfer zu sein. Umstände haben keine Macht über uns. Unverantwortlichkeit ist eine Illusion. Wir treffen jede Wahl ohne Grund. Wir sind Geschichtenerfinder. Verantwortliche Geschichten geben uns mehr Kraft. Keine Geschichte ist wahr.

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SCHLUSSFOLGERUNG

Die meisten westlichen therapeutischen Anwendungsformen sind in die griechisch- römische lineare analytische Logik und die Freudschen psychotherapeutischen Thesen eingebettet. Die meisten östlichen therapeutischen Anwendungsformen sind in die Thesen der hinduistischen, buddhistischen oder taoistischen Weltsichten eingebettet. Ohne uns dessen bewusst zu sein, beschränken wir unsere Heilungseffizienz unnötig auf diese Rahmen. Wir müssen das nicht tun. Wir können uns bei der Arbeit mit Klienten einer anderen Anwendungsform bedienen, die wir die die Domäne der Klarheit nennen. Klarheit besitzt die Macht, selbst unter den abwegigsten Voraussetzungen direkte Möglichkeiten zu schaffen.

Wenn wir unser Leben einem der Heilberufe widmen, stehen wir einigen interessanten Herausforderungen gegenüber. Eine unserer ersten Heraus- forderungen ist die Wahl, welche Anwendung der Heilform wir unseren Klienten anbieten. Das Auswahlverfahren erscheint zunächst einfach. Wir schauen uns die populären Anwendungsformen an, wählen ein oder zwei, die uns interessieren, lassen uns ausbilden, bringen ein Schild an, und fangen an, mit Menschen zu arbeiten. Die wahre Ernsthaftigkeit unserer Wahl wird uns erst nach ein paar Jahren praktischer Erfahrung bewusst, wenn wir beginnen zu begreifen, dass unsere Klienten nur soweit gehen können, wie wir zu gehen vermögen.

Zwei Faktoren schränken unsere Effizienz als Heiler ein. Der weniger bedeutende Faktor sind die Grenzen unserer bestimmten Anwendung einer Heilform. Der einflussreichere Faktor sind die Grenzen unserer eigenen persönlichen Klarheit.

Wir sollten uns beispielsweise im Klaren darüber sein, dass ein Heiler auch ein Mensch ist. Menschen verbringen ihre Tage und Nächte damit, die vier Gefühle zu fühlen, innerhalb der drei Welten hin- und herzureisen, die beiden Dramen zu erschaffen und die eine Wahrheit zu meiden. Klarheit beginnt zuhause in unserem eigenen Verstand, Herzen, Körper und unserer Seele. Wenn wir experimentieren und uns sorgfältig beobachten und für das, was wir entdecken, die Verantwortung übernehmen, entwickeln wir authentische Klarheit als Erfahrung und nicht nur als Theorie. Nur mit authentischer Klarheit können wir hoffen, bei den Klienten, die Hilfe bei uns suchen, einen Beitrag zu leisten.

Clinton Callahan, Leiter der Callahan Academy und Begründer des Possibility Managements erforscht seit 1974 die Grenzen der bekannten Welt mit Gruppen von Menschen.